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Fenster

Donnerstag, 15. Juli 2010

Die Fenster eines Gebäudes sind aus bauphysikalischer Sicht recht komplexe Bauteile; das waren sie vor 100 Jahren genau so wie sie es heute immer noch sind.

Fenster sollen transparent und lichtdurchlässig, gleichzeitig aber schall- und wärmedämmend sein. Sie sollen sich zum Lüften öffnen lassen, aber in geschlossenem Zustand müssen sie nicht nur winddicht, sondern nach neueren Erkenntnissen sogar dampfdicht sein. Obendrein ist die Außenseite der Witterung ausgesetzt: Sonne, Regen und Frost beanspruchen das Material.

Vor 100 Jahren wurden in die Haydn-Villa überwiegend sogenannte Kastenfenster eingebaut. Diese Fenster haben zwei Flügelebenen mit einem Abstand von ca. 12cm. Dadurch ergeben sich bauphysikalische Werte, die mit denen moderner Isolierglasfenster vergleichbar sind oder diese sogar noch übertreffen.

Durch den großen Scheibenzwischenraum kann eine sehr gute Wärmedämmung realisiert werden – ganz ohne High-Tech-Gläser und Edelgasfüllung, wie bei “modernen” Isoliergläsern. Voraussetzung ist allerdings, dass die Flügel umlaufend dicht am Rahmen anliegen. Durch geeignete Holzauswahl, z.B. feinjähriges Lärchenholz, und handwerklich hochwertige Verarbeitung kann dies auch dauerhaft erreicht werden.

Im Jahr 1912 war Floatglas noch unbekannt. Fensterglas wurde entweder gezogen oder geblasen. Dabei wird eine große, zylindrische, dünnwandige Flasche geblasen, Boden und Deckel abgeschnitten, der verbleibende Zylinder wird längs aufgeschnitten und abgerollt. Die so entstandenen Scheiben sind allerdings nicht sehr großformatig. Aus diesem Grund hatten die Fenster damals eine mehr oder weniger kleinteilige Sprosseneinteilung. Das Glas hat außerdem aufgrund des Herstellungsprozesses keine spiegelglatte Oberfläche, sondern leichte Unebenheiten und manchmal Einschlüsse.

Das rechts abgebildete Fenster ist der am häufigsten in der Villa eingebaute Typ (ca. 24 Stück). Die maximale Scheibengröße beträgt nicht mehr als 42cm. Die äußere Ebene verfügt über Drehflügel mit Stulp und ein Oberlicht mit Kippbeschlag. Die innere Ebene hat ebenfalls Drehflügel mit Stulp, die aber ohne Oberlicht über die gesamte Höhe des Fensters reichen. Diese Flügel sind mit zwei Quersprossen unterteilt, und zwar so, dass sich diese Sprossen mit den der äußeren Flügel decken. Im Sommer wurden diese Inneren Flügel oft ausgehangen und im Speicher verstaut und erst im Herbst wieder eingehängt.

Nach ausführlicher Sichtung und Bestandsaufnahme aller im Haus noch verbliebenen Originalfenster wurde einvernehmlich mit der Denkmalbehörde beschlossen, alle Fenster bis auf drei komplett neu anzufertigen. Die Fenster werden getreu dem alten Vorbild hergestellt, d.h. komplett aus Holz (Lärche, Eiche und Fichte je nach Bauteil), mit der gleichen Profilierung, gleiche Abmessungen und Sprosseneinteilung. Nach Möglichkeit werden auch die noch vorhandenen und brauchbaren Getriebe und Beschläge hergerichtet und wiederverwendet.

Lediglich kleine Detailverbesserungen werden vorgenommen, wie z.B. eine umlaufende Dicktlippe am inneren Flügel, ein geänderter Wetterschenkel und die Aufnahme für das Fensterblech. Zur Verglasung kommt außen sogenanntes Restaurationsglas zum Einsatz, das die gleichen Unregelmäßigkeiten aufweist wie das alte Glas. Innen wird ein beschichtetetes Einscheiben-Isolierglas eingebaut. Dadurch sollte ein U-Wert von nur knapp über 1 erreicht werden, was modernem Standard entspricht.

Die Oberfläche wird mit einer speziellen Ölfarbe behandelt.

Die drei am besten erhaltenen Bestandsfenster werden entlackt, bei Bedarf repariert, neu verglast und gestrichen. Diese drei Fenster werden auf Wunsch der Denkmalbehörde als so genanntes “Primärdokument” nebeneinander in einem Raum wieder eingebaut.